Börsenwissen · Depot & Strategie
Mein Dividendendepot 2026: 42 Positionen, drei Ebenen, ein Regelwerk
Philipp legt sein privates Depot komplett offen: jede Position mit Gewichtung, die Strategie dahinter, die Regeln – und den ehrlichen Kennzahlen-Check gegen den MSCI World. Inklusive der Baustellen, die noch offen sind.
01 Warum wir das offenlegen
Über Aktien zu reden ist einfach. Sich in die Karten schauen zu lassen, ist unangenehm – gerade dann, wenn nicht alles glänzt. Genau deshalb steht dieses Depot hier: mit den Gewinnern, den Fehlkäufen und den Positionen, für die es keine gute Erklärung gibt.
Die Offenlegung erfüllt zwei Zwecke. Erstens Transparenz: Wer im Podcast über Aktien spricht, sollte zeigen, was er selbst besitzt. Zweitens Disziplin – und das ist der wichtigere Teil. Ein Depot, das öffentlich einsehbar ist, zwingt zu Begründungen. Positionen ohne Rolle fallen sofort auf, wenn sie in einer Tabelle stehen.
Was hier nicht steht: Kaufempfehlungen. Dieses Depot passt zu einem Anlagehorizont von über 15 Jahren, einer bestimmten Risikotragfähigkeit und einem konkreten Ziel. Für jemand anderen kann exakt dieselbe Zusammenstellung falsch sein.
02 Das Ziel: irgendwann von den Dividenden leben
Das Ziel ist nicht, den Markt um jeden Preis zu schlagen, sondern über die Jahre einen Ausschüttungsstrom aufzubauen, der irgendwann laufende Kosten deckt. Das klingt bescheidener, als es ist – und es verändert jede einzelne Entscheidung.
Denn in der Aufbauphase gilt eine Regel, die vielen Einsteigern gegen den Instinkt geht: Dividendenwachstum schlägt Dividendenhöhe. Ein Unternehmen, das heute 0,8 Prozent Rendite zahlt und die Ausschüttung jedes Jahr um 13 Prozent erhöht, überholt einen Wert mit 5 Prozent Startrendite und 2 Prozent Wachstum – je nach Rechnung nach rund zwölf bis fünfzehn Jahren, und danach zieht es davon.
Wer also erst in vielen Jahren entnehmen will, optimiert falsch, wenn er heute auf hohe Ausschüttungsquoten schielt. Deshalb liegt der Schwerpunkt dieses Depots klar auf Qualitätsunternehmen mit wachsender Dividende – und nicht auf den Werten mit der höchsten aktuellen Rendite.
03 Die Pyramide: drei Ebenen mit klaren Rollen
Jede Position im Depot muss einer von drei Ebenen zugeordnet sein. Was in keine Ebene passt, hat entweder eine besondere Begründung – oder es gehört nicht ins Depot. Das klingt bürokratisch, ist aber der wirksamste Filter gegen die schleichende Ansammlung von Zufallskäufen.
Qualitätsunternehmen mit hoher Kapitalrendite und wachsender Ausschüttung. Hier entsteht der spätere Dividendenstrom – deshalb fließt praktisch jede Sparrate hierhin. Zielgröße: rund 55 Prozent des Depots.
Etablierte Werte mit hoher aktueller Ausschüttung, aber begrenztem Wachstum. Sie bilden die ruhende Ertragsbasis und werden gehalten – aber bewusst nicht mehr aufgestockt.
Werte ohne oder mit geringer Dividende, dafür mit hohem Gewinnwachstum. Sie werden bewusst laufen gelassen – die Spitze liegt aktuell über der Zielquote von rund 20 Prozent, was an einer sehr gut gelaufenen Einzelposition liegt.
Wetten mit definiertem Auslöser, Sparplan-Positionen und Restbestände aus Abspaltungen. Jede braucht eine Frist – wer sie nicht einhält, fliegt.
Wichtig ist die Reihenfolge der Ebenen. Die klassische Dividendenpyramide stellt hohe Ausschütter nach unten – das ist die Aufteilung für jemanden, der bereits entnimmt. In der Aufbauphase gehört das Dividendenwachstum ins Fundament, weil dort über Jahrzehnte der Zinseszinseffekt arbeitet.
04 Das Regelwerk: sechs Sätze, die alles entscheiden
Die Strategie ist der einfache Teil. Schwierig wird es im Alltag – beim Rücksetzer, bei der guten Geschichte, beim Chart, der gerade so verlockend aussieht. Dagegen helfen nur Regeln, die vorher feststehen:
1. Mindestgröße statt Obergrenze
Keine feste Maximalzahl an Positionen, aber eine Untergrenze: Was dauerhaft unter etwa 1,5 Prozent Depotgewicht liegt, kann das Ergebnis nicht bewegen. Selbst eine Verdopplung bringt dann kaum etwas. Was zu klein ist, um zu wirken, ist zu klein, um es zu besitzen.
2. Die Zwölf-Monats-Uhr
Ein Neueinstieg startet mit einer Anfangsposition – und einer Frist. Binnen zwölf Monaten muss nachgekauft werden, bis die Position ihre Zielgröße erreicht, oder sie wird verkauft. Der erste Kauf ist ein Testballon, die zweite Entscheidung trennt die Überzeugung vom Sammeln.
3. Eine Position pro Monat, nicht die Gießkanne
Die monatliche Sparrate geht vollständig in eine Position. Das spart Ordergebühren – bei zehn Euro Fixkosten je Kauf sind vier Kleinorders schnell zwei Prozent Reibungsverlust – und erzwingt jeden Monat eine bewusste Entscheidung.
4. Die Liste ist fix, die Reihenfolge ist frei
Welche Position die Monatsrate bekommt, entscheidet sich neu: Wer steht am weitesten unter Zielgröße und ist gemessen an der eigenen Historie am günstigsten? Aber ausgewählt wird nur aus dem festen Kandidatenkreis der Basis-Ebene. Neue Namen kommen ausschließlich über einen vorher gesetzten Kursalarm ins Spiel, maximal einer pro Quartal.
5. Gewinner laufen lassen, Einstand herausnehmen
Positionen der Spitze werden nicht beschnitten, nur weil sie groß geworden sind. Bei etwa 200 Prozent Kursgewinn wird der ursprüngliche Einsatz entnommen – danach läuft die Position mit Hausgeld weiter, ohne Verkaufsdruck.
6. Drei Rhythmen statt täglichem Blick
Wöchentlich zehn Minuten Radar: Kursalarme, Nachrichten, anstehende Quartalszahlen – ohne zu handeln. Monatlich die Entscheidung über die Sparrate. Quartalsweise nach der Berichtssaison der eigentliche Thesen-Check: Wächst das Geschäft noch? Halten die Margen? Wurde die Dividende erhöht? Wer wöchentlich seine Thesen prüft, findet wöchentlich einen Grund zu handeln.
05 Alle Positionen im Detail
Alle Angaben in Prozent des Gesamtdepots, gerundet. Die Sortierung folgt den Ebenen, innerhalb der Ebenen nach Gewicht.
| Position | Rolle im Depot | Gewicht |
|---|---|---|
| Basis · Dividendenwachstum — 47 % | ||
| Air Liquide | Industriegase-Oligopol | 4,0 % |
| Visa | Zahlungsnetzwerk-Duopol | 3,7 % |
| S&P Global | Rating- und Datenduopol | 3,7 % |
| Brookfield Asset Management | Kapitalleichter Vermögensverwalter | 3,7 % |
| Trane Technologies | Klimatechnik, Effizienz-Trend | 3,1 % |
| Microsoft | Software und Cloud | 2,5 % |
| Novo Nordisk | Pharma, höchste Marge im Depot | 2,4 % |
| Diploma | Britischer Serienübernehmer | 2,3 % |
| UL Solutions | Prüfen und Zertifizieren | 2,1 % |
| UnitedHealth | Gesundheitsversorgung, Skalenmodell | 2,1 % |
| GE Aerospace | Triebwerke und Wartungsgeschäft | 1,9 % |
| Union Pacific | Eisenbahn-Duopol Nordamerika | 1,9 % |
| Ecolab | Wasser- und Hygienelösungen | 1,8 % |
| Cintas | Berufskleidung im Abo-Modell | 1,8 % |
| Schneider Electric | Elektrifizierung und Energiemanagement | 1,8 % |
| Veralto | Wasseranalytik, Danaher-Abspaltung | 1,6 % |
| Munich Re | Rückversicherung, Dividendenkontinuität | 1,5 % |
| BlackRock | Vermögensverwaltung, ETF-Marktführer | 1,4 % |
| Otis | Aufzüge, Servicegeschäft | 1,4 % |
| Rollins | Schädlingsbekämpfung, wiederkehrend | 1,3 % |
| Stryker | Medizintechnik | 1,3 % |
| Mitte · Solide Zahler — 19 % | ||
| RTX | Luftfahrt und Verteidigung | 2,8 % |
| British American Tobacco | Hohe Ausschüttung, schrumpfendes Volumen | 2,7 % |
| Royalty Pharma | Pharma-Lizenzeinnahmen | 2,7 % |
| PepsiCo | Marken-Konsumgüter | 2,7 % |
| Realty Income | Monatlich zahlender Immobilienwert | 2,3 % |
| Procter & Gamble | Haushalts- und Pflegemarken | 1,7 % |
| Deutsche Telekom | Telekommunikation, hohe Rendite | 1,5 % |
| McDonald's | Franchise-Lizenzmodell | 1,4 % |
| CME Group | Terminbörsen-Monopol | 1,3 % |
| Spitze · Wachstum — 29 % | ||
| CrowdStrike | Cybersicherheit, größter Gewinner im Depot | 14,2 % |
| Constellation Energy | Nuklearstrom, KI-Strombedarf | 4,5 % |
| Alphabet | Suche, Cloud, KI-Plattform | 3,6 % |
| Broadcom | Halbleiter und Infrastruktursoftware | 3,3 % |
| ServiceNow | Unternehmenssoftware | 1,9 % |
| BWX Technologies | Nukleartechnik-Nische | 1,7 % |
| Sondersituationen — 4 % | ||
| Veolia | Auf dem Prüfstand | 1,6 % |
| Uber | Wachstumswette mit Frist | 1,3 % |
| Universal Music | Ereignis-Spekulation mit Frist | 0,9 % |
| Equinix | Sparplan-Position im Aufbau | 0,2 % |
| Magnum Ice Cream | Sparplan im Familienumfeld | 0,1 % |
| Mobility Global | Abspaltung, noch nicht analysiert | 0,1 % |
Zwei Dinge fallen beim Durchscrollen auf. Erstens: Die größte Position ist mehr als dreimal so schwer wie die zweitgrößte – nicht durch Absicht, sondern weil sie extrem gut gelaufen ist. Zweitens: Am unteren Ende stehen Positionen im Zehntel-Prozent-Bereich. Das sind Restbestände und Sparpläne im Aufbau, keine bewussten Wetten – und genau die Sorte Eintrag, die ein öffentliches Depot unbequem macht.
06 Der Terry-Smith-Check gegen den MSCI World
Der britische Fondsmanager Terry Smith stellt in seinen Jahresbriefen die Kennzahlen seines Portfolios denen des MSCI World gegenüber. Die Logik: Wer dauerhaft profitablere Unternehmen besitzt als der Index, sollte ihn langfristig schlagen. Dieselbe Rechnung, kapitalgewichtet über alle Positionen, sieht für dieses Depot so aus:
| Kennzahl | Depot | MSCI World | |
|---|---|---|---|
| ROCE (Kapitalrendite) | 15,1 % | ~15 % | bestanden |
| Bruttomarge | 58,2 % | ~45 % | bestanden |
| Operative Marge | 25,6 % | ~16 % | bestanden |
| Cash Conversion | 99,4 % | ~85 % | bestanden |
| Nettoverschuldung / EBITDA | 1,7x | ~1,5x | verfehlt |
| Gewinnwachstum p. a. | 15,3 % | ~10 % | bestanden |
Das Ergebnis ist ermutigend und unbequem zugleich. Margen, Gewinnqualität und Wachstum liegen deutlich über dem Index – der Qualitätsanspruch funktioniert also. Aber ausgerechnet der ROCE, für Smith die wichtigste Einzelkennzahl, liegt nur hauchdünn über der Schwelle. Vor der jüngsten Bereinigung lag er sogar darunter.
Der Grund dafür ist lehrreich: Es waren nicht die großen Positionen, die das Bild verdorben haben, sondern eine Handvoll kleiner Werte mit schwacher Kapitalrendite und hoher Verschuldung. Der Verkauf von rund drei Prozent des Depotwerts hat gereicht, um die Kennzahl über die Marke zu heben. Mehr dazu im Terry-Smith-Screening, wo alle besprochenen Aktien einzeln durch dieselben fünf Kriterien laufen.
07 Die offenen Baustellen
Die Spitze ist schwerer als die Basis breit. Eine einzige Position macht rund 14 Prozent aus – gewachsen, nicht gekauft. Das ist Klumpenrisiko, und es wird bewusst in Kauf genommen: Die Position soll laufen, der ursprüngliche Einsatz wurde bereits entnommen. Das Verhältnis soll sich über die Zeit von selbst korrigieren, weil die Basis weiter bespart wird.
Die Verschuldung liegt über dem Index. Sie kommt fast vollständig aus der Mittelebene – Werte mit planbaren Cashflows, bei denen höhere Schulden zum Modell gehören. Das ist der Preis für eine breite Ertragsbasis. Akzeptiert, aber nicht ignoriert.
Am unteren Ende stehen noch Restbestände. Positionen im Zehntel-Prozent-Bereich sind wirkungslos und binden trotzdem Aufmerksamkeit. Für jede läuft eine Frist – Sparplan einrichten, aufstocken oder verkaufen.
Die Basis ist erst zu vier Fünfteln aufgebaut. Bis zur Zielquote fehlt noch rund ein Fünftel des angestrebten Volumens. Das dauert je nach Sparrate ein bis zwei Jahre – und in dieser Zeit fließt kein Geld in neue Namen.
08 Das KIPtalist-Verdict
Der KIPtalist ist der KI-Fondsmanager aus unserem Podcast. Er verwaltet ein reales, öffentlich nachvollziehbares Portfolio und tritt damit Woche für Woche gegen die Depots von Philipp und Marcel an. Seine Einordnung fällt erwartungsgemäß gnädig aus:
09 Häufige Fragen
Wie viele Aktien sollte ein Dividendendepot enthalten?
Eine feste Zahl gibt es nicht. Entscheidend ist die Mindestgröße je Position: Was dauerhaft unter etwa 1,5 Prozent Depotgewicht liegt, kann das Gesamtergebnis kaum beeinflussen – selbst eine Verdopplung bringt dann wenig. Wer diese Regel konsequent anwendet, begrenzt die Positionszahl automatisch nach oben.
Was ist der Unterschied zwischen Dividendenwachstum und Hochdividende?
Hochdividendenwerte zahlen sofort viel aus, steigern die Ausschüttung aber kaum. Dividendenwachstumswerte starten mit niedriger Rendite, erhöhen die Dividende dafür oft zweistellig pro Jahr. In der Aufbauphase ist Dividendenwachstum meist überlegen, weil sich die Ausschüttung bezogen auf den ursprünglichen Einstand über die Jahre vervielfacht.
Wie funktioniert die Pyramiden-Strategie im Depot?
Das Depot wird in drei Ebenen aufgeteilt: Die Basis bilden Dividendenwachstumswerte, die Mitte solide Zahler mit hoher Ausschüttung, die Spitze reine Wachstumswerte. In der Aufbauphase liegt der Schwerpunkt auf der Basis, weil dort über Jahrzehnte der spätere Ausschüttungsstrom entsteht.
Warum werden gut gelaufene Positionen nicht verkleinert?
Weil das Ziel Vermögensaufbau ist und Gewinner selten aufhören zu gewinnen. Stattdessen wird bei etwa 200 Prozent Kursgewinn der ursprüngliche Einsatz entnommen – ab da läuft die Position mit Hausgeld. Das Klumpenrisiko bleibt bestehen und wird bewusst getragen.
Ist dieses Depot eine Empfehlung zum Nachkaufen?
Nein. Der Artikel dokumentiert ausschließlich, wie ein privates Depot aufgebaut ist und nach welchen Regeln es verwaltet wird. Er enthält keine Anlageberatung und keine Kaufempfehlung. Jede Anlageentscheidung hängt von der persönlichen Situation, dem Anlagehorizont und der Risikotragfähigkeit ab.
Jeden Freitag: Mensch gegen Maschine
Bei Aktien Buddies by Modern Value Investing analysieren Philipp und Marcel jede Woche Aktien – und treten mit ihren echten Depots gegen den KIPtalist an, unseren KI-Fondsmanager mit öffentlich trackbarem Portfolio. Die Depot-Updates mit allen Käufen und Verkäufen gibt es dort zuerst.
Mitreden statt nur mitlesen
In unserer privaten WhatsApp-Gruppe diskutieren wir zwischen den Folgen weiter: Welche Aktie kommt als Nächstes dran, was passiert gerade in den Depots, und warum. Direkter Draht zu Philipp, Marcel und der Community – monatlich kündbar.
Transparenzhinweis: Dieser Artikel dokumentiert ein privates Depot zu Informations- und Unterhaltungszwecken und stellt keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Kaufempfehlung im Sinne des WpHG dar. Die Autoren halten sämtliche genannten Positionen selbst und können sie jederzeit ohne vorherige Ankündigung verändern. Investitionen in Wertpapiere sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Kennzahlen sind gerundete Näherungswerte auf Basis der zuletzt veröffentlichten Geschäftszahlen, Stand August 2026, Angaben ohne Gewähr. Gewichtungen können sich durch Kursbewegungen laufend verändern.
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