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Marktreport – Energiepreise und -Knappheit

by Peter Merkle

In unserem neuen Marktreport auf Modern Value Investing, beschäftigen wir uns mit dem allgegenwärtigen Thema der Energiepreise und des Energiemarktes im allgemeinen. Wir wollen hier versuchen, die aktuelle Lage übersichtlich zusammen zu fassen und die Bedeutung der aktuellen Entwicklungen für andere Industriezweite herauszuarbeiten.

Die Lage am Energiemarkt ist angespannt

In den letzten Tagen und Wochen, waren an den Warenterminmärkten außerordentlich starke Preissteigerungen bei allen Energieträgern zu verzeichnen.

Im Vergleich zum Vorjahresmonat, werden die enormen Steigerungen deutlich, die die Energieträger in ihrer Preisentwicklung genommen haben.

Trotz der großen Bemühungen um den Klimaschutz, der von Politikern in nahezu allen entwickelten Volkswirtschaften der Welt als zentrales Objekt ihres Interesses angesprochen wird, ist die Nachfrage nach fossilen Energieträgern rasant gestiegen. Der Preis für Erdgas ist hier ebenso stark gestiegen, wie der für Kohle, die für die Stromerzeugung verwendet werden und vor allem in China und Ländern wie Indien von zentraler Bedeutung sind. Die Volksrepublik China fördert im Jahr rund 3.700 Mt (Stand 2020) an Kohle und produziert rund 60 Prozent seines Stroms aus der Kohleverbrennung. Wichtig: Das Land importiert zusätzlich Kohle aus Ländern wie Australien. Der Verbrauch 2020 lag bei über 3.800 Mt. Zusätzlich kommt auch noch hinzu, dass ungewöhnlich starker Regen in der nordchinesischen Provinz Shanxi zu Überschwemmungen geführt haben und mindestens 60 Kohlebergwerke den Betrieb einstellen mussten. Eine Drosselung der Förderung ist hier noch hinzugekommen.

In Indien sieht die Situation ähnlich aus, hier stehen rund 135 Kohlekraftwerke. 80 Prozent dieser, gaben am Mittwoch bekannt, dass die Vorräte nur noch für 5 Tage Regelbetrieb reichen werden. Das Land deckt rund 70 Prozent seines Strombedarfs mit der Kohleverstromung ab. Auch Indien importiert zusätzlich zu seiner eigenen Produktion Kohle aus dem Ausland.

Ein weitere Hinweis auf die extrem angespannte Lage an den Energiemärkten ergibt sich, wenn man die Lage Pakistans betrachtet. Das Land hatte kürzlich versucht, am Spotmarkt flüssiges Erdgas zu kaufen und erhielt auf eine Ausschreibung keinerlei Angebote.

Das Erdölkartell OPEC, hat in dieser momentanen Lage seine Erdölfördermengen um nur rund 400.000 Barrell gesteigert. Die 13 Erdölfördernden Länder befeuern hier die Preisentwicklung. Um die teuren Preise bei Kohle zu umgehen, kauft die Volksrepublik China vermehrt Öl als Substitut, denn trotz der gestiegenen Preise für Erdöl, ist dieses noch vergleichsweise günstig im Gegensatz zum Erdgas. Hier stellt sich die Lage zwar so dar, dass die russischen Gaskonzerne, die vornehmlich den europäischen Kontinent mit Erdgas beliefern, gerade als mögliches politisches Druckmittel herangezogen werden. Daneben muss man aber auch festhalten, dass nicht nur die Gaspreise in Europa stark ansteigen, sondern dass es sich hier um eine globale Entwicklung handelt. Der Mangel an verfügbarem Erdgas, fußt aber auch auf einem zu niedrig eingeschätzten Bedarf verantwortlicher Stellen.

Ein Blick in die Entwicklung an den Warenterminmärkten, zeigt hier im Verlauf deutlich, dass das Open Interest, die offenen Future-Kontrakte, für Kohle sichtbar ansteigen. Ebenfalls merklich steigen die abgeschlossenen Kontrakte für Rohöl. Sichtbar ist das beispielsweise für den Janaur 2022 Kontrakt für Crude Oil, gehandelt an der CME. Hier stieg das Open Interest um 12.330 Kontrakte auf einen aktuellen Bestand von 264.966 Kontrakte. Es wird also für eine relativ kurze Zeit eine Absicherung des Preises nachgefragt. Daraus kann man die Erwartung ableiten, dass auch die Rohölpreise noch deutlicher steigen werden. Verallgemeinernd kann man einen starken Anstieg der Nachfrage nach fossilen Energieträgern feststellen, am deutlichsten gerade bei Erdgas.

Die Folgen des Mangels an Energie

Diese gravierenden Mangelerscheinungen in der Versorgung mit Energie, zeigen aktuell eine fatale Wirkung auf die Weltwirtschaft. Neben den direkten Folgen vor Ort, die sich in Energierationierung und Stromausfällen sowie dem Herunterfahren ganzer Betriebe darstellen, breiten sich diese auf andere Länder und über weite Wirtschaftsteile aus.

Beispielsweise hat der Energiemangel in China dazu geführt, dass in China die Magnesiumproduktion ins stocken geraten ist. China hat einen Weltmarktanteil von über 80 Prozent bei Magnesium, eine führende Position. Magnesium ist bei der Aluminiumherstellung ein elementarer Bestandteil und seine Gewinnung sehr Energieintensiv. Aluminiumhütten in Europa haben bereits beanstandet, dass ihre Magnesiumreserven bis November aufgebraucht sein werden. Das Resultat einer darniederliegenden Aluminiumproduktion hätte auf die gesamte Wirtschaft gravierende Auswirkungen, insbesondere auf die für Deutschland wichtige Automobil- und Maschinenbauindustrie.

Eine vergleichbare Auswirkung sieht man bei Agrarchemikalien, insbesondere bei Düngemitteln. Für die Herstellung von Düngern sind Chemikalien wie Phosphor und Stickstoff von Zentraler Bedeutung. Die Stickstoffgewinnung läuft in der Regel über die Synthese von Ammoniak (NH4) nach dem Haber-Bosch-Verfahren, das ebenfalls sehr Energieintensiv ist. Die Knappheit an Energie hat hier dazu geführt, dass in Europa und in Asien viele Werke den Betrieb eingestellt oder wenigstens gedrosselt haben, was zu einer regelrechten Düngerknappheit geführt hat. Vor allem die hohen Gaspreise haben hier eine fatale Wirkung entwickelt. So haben BASF die Produktion an den Standorten Antwerpen und Ludwigshafen zurückgefahren und das Unternehmen Yara International will rund 40 Prozent seiner europäischen Ammoniakproduktion stilllegen, da die Herstellung nicht mehr rentabel ist.

Die Knappheit an Düngemitteln hat hier zu einer enormen Preisexplosion geführt. Der Preis für Kalkammonsalpeter, ein essentielles Produkt, stieg m über 213 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Kostensteigerungen bei nahezu allen anderen landwirtschaftlichen Betriebsmitteln, dürften hier zu einer großen Teuerung der Lebensmittelpreise führen.

Ein perfektes Chaos

Innerhalb der Europäischen Union wird die Lage noch zusätzlich durch die CO2-Bepreisung, speziell in Deutschland und den Handel mit CO2 Zertifikaten an der EEX-Börse verschärft. Die Preise für die CO2-Zertifikate sollten sich bis 2025 auf rund 55 Euro je Tonne erhöhen. Aktuell liegen die Preise aber bei über 62 Euro je Tonne, sie haben sich mehr als verdoppelt. Entsprechend steigen die Preise für Heizöl, Diesel, Benzin, Erdgas und Kohle rasant an. Betrachtet man hierbei nur die Strommärkte, dann ist die Lage alleine bereits ein perfektes Chaos. Aktuell wenig Sonne und ein ungewöhnlich windstiller Herbst, lassen die verfügbare Energie aus Wind und Solar einbrechen. Kohlestrom ist aus öffentlichen Gründen ebenfalls teuer und bereits jetzt stellen erste “Billigversorger” die Belieferung ihrer Kunden ein. E.on sah sich zuletzt nicht in der Lage, neuen Kunden Verträge für Gaslieferungen anzubieten. Der Mangel an Wind und Solarstrom hat einen regelrechten Rückfall in die Kohleverstromung ausgelöst und man konstatiert die zweithöchste Steigerung der weltweiten CO2 Emissionen aller Zeiten.

Die Lage ist also momentan extrem angespannt und die Entwicklungen lassen vermuten, dass es aktuell auf eine Zuspitzung der Situation hinauslaufen wird. Nicht zuletzt geht man davon aus, dass das Thema Energie die neue soziale Frage darstellt, aber der Mangel an bezahlbarer Energie, gerade in Form von Strom, haben eine fatale Auswirkung auf den Standort Europa, insbesondere Deutschland. Energieintensive Branchen, beispielsweise die chemische Industrie, arbeiten bereits an der Grenze dessen, was sie wirtschaftlich verkraften können. Auch die Landwirtschaft hat massive Probleme, notwendige Betriebsstoffe zu erschwinglichen Preisen zu kaufen. Deswegen ist davon auszugehen, dass sich die Preissteigerungen bei Energie jetzt in die Endprodukte durchfressen werden und die ohnehin bereits deutlich gestiegene Inflation weiter zunehmen wird. Die Versorgungssicherheit ist nach einigen Quellen ebenfalls bedroht. Wie dieses Patt gelöst wird, lässt sich unterdessen noch nicht sagen. Frankreich und 10 weitere EU-Mitglieder, drängen die Kommission darauf, Kernenergie als CO2-neutrale Energieform zu deklarieren. Sollte das passieren, könnte möglicherweise auch diese Energieform von umfangreichen Subventionsprogrammen profitieren.

Insgesamt ist die Lage mit äußerster Vorsicht zu betrachten, denn neben diesen Problemen, zeitigen auch andere Entwicklungen in der Welt, wie die Krise am chinesischen Immobilienmarkt, allmählich bedenkliche Auswirkungen. Das Gesamtrisiko für die Wirtschaft, sei es durch Stromrationierung, Stromausfälle, Lastabwürfe, Öl, Gas- oder Kohlemangel, einem Crash am Immobilienmarkt, eine außer Kontrolle laufende Inflation, eine mögliche Stagflation etc. etc. scheint derzeit jedenfalls erhöht. Gleichzeitig werden die Stimmen immer weniger, die noch vor wenigen Tagen und Wochen die einsetzende Inflation als vorübergehend bezeichnet haben. Der Preisschock am Energiemarkt könnte hier demnach die erste gravierende Entwicklung sein, in deren Kielwasser die Inflation weiter an Wucht gewinnt.

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