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Leitzinsen, der Tanz auf der Rasierklinge

by Peter Merkle

Im neuen Marktreport von Modern Value Investing, sehen wir uns die Leitzinsen der Notenbanken an, mit einem besonderen Fokus auf die Europäische Zentralbank (EZB) und die Federal Reserve (Fed) der vereinigten Staaten. Als Investoren interessiert uns vordergründig die Frage, was eine Veränderung des Leitzinses für uns bedeutet und wie wir möglichst in der Lage sind, davon zu profitieren. Darüber habe wir uns für diesen Bericht Gedanken gemacht.

Leitzinsen als Instrument der Geldpolitik

Die Idee hinter den Leitzinsen, ist es den Notenbanken ein Instrument an die Hand zu geben, um die Inflation im Zaum zu halten. Eine stark vereinfachte Erklärung über die Wirkungsweise sieht folgendermaßen aus: Senken die Notenbanken den Zins, sind mehr Unternehmen und Privatleute dazu in der Lage, sich Kredite zu leisten. Daraus resultieren steigende Ausgaben, höheres Wachstum und steigende Inflation. Umgekehrt führen steigende Zinsen dazu, dass weniger Kreditnachfrage entsteht, das Wirtschaftswachstum nimmt ab und die Inflation sinkt.

Die momentane Lage

Wie man aus der Berichterstattung erfahren kann, liegen die Inflationsraten aktuell auf langjährigen Höchstständen. Für Deutschland betrug die Inflationsrate, also die Teuerung über einen breiten Warenkorb, offiziell 7,3 Prozent. Für den Raum der Europäischen Union sogar bei 7,5 Prozent und die Vereinigten Staaten verzeichnen eine Teuerung von rund 8,5 Prozent.

European Union Inflation Rate
EU-Inflationsrate; 25 Jahre
United States Inflation Rate
US-Inflationsrate; 25 Jahre

Demgegenüber stehen historisch niedrige Zinsen. Der Leitzins der US Fed lag im März bei rund 0,25 Prozent, zuletzt angehoben auf 0,5 Prozent im März 2022. Der Leitzins für die Eurozone, liegt seit 2016 bei 0 Prozent, im Falle Deutschlands war dieser Wert sogar zeitweise negativ.

Nun stellt sich für die Notenbanken eine große Zwickmühle. Die Inflation hat mittlerweile Auswüchse angenommen, die den Wohlstand der breiten Bevölkerung in den einzelnen Währungsgebieten massiv schädigt und dringend Maßnahmen ergriffen werden müssen, diesem Problem Herr zu werden. Das Mittel nach Lehrbuch wäre eine Erhöhung der Leitzinsen durch die Zentralbanken. Die Fed hat im März 2022 mit einer Leitzinserhöhung von 0,25 Prozent nun diesen Weg eingeschlagen. Die EZB dagegen sperrt sich noch gegen Zinsschritte.

Es stellen sich nun aber einige Probleme. Die Inflation ist zwar auch durch die permanente Ausdehnung der Geldmenge getrieben, aber in der aktuellen Situation auch durch ein rückläufiges Angebot getrieben. Zusätzlich durch weitere Faktoren befeuert, aber mit Blick auf die Angebotsseite an Produkten und Dienstleistungen, hat eine Notenbank hier mit ihren Instrumenten kaum Einfluss.

Weitaus schlimmer stellt sich die Situation dar, betrachtet man die Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP. Hier wird schnell ersichtlich, dass die USA mit rund 137,2 Prozent ihrer Wirtschaftskraft verschuldet sind, die EU zu rund 88,1 Prozent.

United States Gross Federal Debt to GDP
Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP; USA
European Union Government Debt To GDP
Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP; EU

Allerdings, betrachtet man einige Mitgliedstaaten der EU, wie Italien (150,8 Prozent), Frankreich (112,9 Prozent), Portugal (127,4 Prozent), Spanien (118,4 Prozent) oder Griechenland (193,3 Prozent), dann ist die niedrigere Verschuldung des EU-Raumes trügerisch. Die enormen Schuldenberge der Währungsräume sind nur mit extrem niedrigen Zinsen überhaupt leistbar. Der US-Dollar, immer noch die Weltleitwährung, verfügt aber gegenüber dem Euro über eine bessere Stellung.

Aus dieser Betrachtung heraus, ist die Haltung der EZB verständlich, denn jede kleine Zinserhöhung, könnte Staaten wie Italien oder Griechenland sprichwörtlich das Genick brechen.

Was bedeutet die Änderung der Leitzinsen für die Währungskurse

Wie bereits angesprochen, hat die US Fed die Leitzinsen nun in einem ersten Schritt auf 0,5 Prozent im März 2022 angehoben, während die EZB untätig bleibt. Als Reaktion darauf, hat der Euro gegenüber dem US-Dollar nun stark abgewertet.

Kurs Euro / US-Dollar

Daraus resultiert nun ein weiteres Problem, denn durch die Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar, steigen die Importpreise. Das entspricht einer importierten Inflation, verschärft also das Problem des Euroraumes weiter.

Auswirkungen auf Aktienkurse und auf den Goldpreis

Traditionell haben höhere Leitzinsen die Wirkung, dass Aktien und Edelmetall-Preise unter Druck geraten. In der aktuellen Lage zeigt sich aber eine interessante Tendenz. Zwar hat die Fed die Zinsen erhöht, wenn auch mehr oder weniger homöopathisch, aber Aktien und Edelmetalle bleiben relativ stabil.

Man muss sich hier aber auch vor Augen halten, dass 0,5 Prozent Zinsen, bei einer Inflation über 8 Prozent, immer noch einen deutlichen Kaufkraftverlust über die Zeit darstellt.

Der Tanz auf der Rasierklinge

Vor allem die EZB steht im Spannungsfeld der Entwicklungen. Das Wirtschaftswachstum ist anhaltend niedrig, im Zuge zuletzt der Corona-Pandemie und den staatlichen Reaktionen darauf, sind die Schuldenstände weiter gestiegen und viele Wirtschaftszweite in den Mitgliedsstaaten haben enorm gelitten. Dazu kommen nun die Auswirkungen des Ukraine-Konfliktes und den ersten Energie-Mangelerscheinungen. Die EZB hat hier die Wahl zwischen zwei gleichermaßen unattraktiven Szenarien: Sie kann die Inflation bekämpfen und die Staatspleite mehrere Mitgliedsstaaten riskieren, oder sie kann die Inflation laufen lassen und läuft Gefahr, dass die eigene Währung irreparablen Vertrauensschaden erleidet.

Aber auch die Fed befindet sich nicht unbedingt in einer wesentlich besseren Lage. Aus dieser Sicher heraus, bleiben Aktien und Edelmetalle, sowie andere Sachanlagen ein attraktives Investment.

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