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Die Zinsentwicklung in der EU

by Peter Merkle

Wie im Verlauf der vergangenen Tage und Wochen in allen großen Wirtschaftsnachrichten berichtet wurde, steht die europäische Zentralbank (EZB) davor, dass sie die Leitzinsen für die EU zum ersten Mal seit Jahren erhöhen will. Und es wurde schnell offensichtlich, dass die Zentralbank der Währungsunion in einem Dilemma steckt. Auf diesen Sachverhalt, wollen wir im folgenden Artikel eingehen.

Während die Inflationsraten in der gesamten EU konstant auf hohem Niveau liegen, sogar steigende Tendenzen aufweisen, verharren die Leitzinsen noch auf Null. Die Lage hat allerdings mittlerweile Ausmaße angenommen, dass die EZB nicht umhin kommt, sich zu überlegen, wie sie aus ihrer Misere heraus kommt.

Das Mittel welches den “Währungshütern” zur Verfügung steht, um eine Inflation zu bremsen, sind die Leitzinsen. Das Lehrbuch der Volkswirtschaft ist hier eindeutig: Um eine Inflation zu stoppen, müssen diese angehoben werden, dem Markt muss Geld entzogen werden. Dadurch wird die Inflation bekämpft. Dies geschieht aber zu einem horrenden Preis, nämlich einem Ausbremsen der gesamten Wirtschaft. Und hier liegt das Dilemma nicht nur der EZB, sondern nahezu ALLER Zentralbanken weltweit.

Ein Ende der Niedrigzinsen?

Die vor kurzem verlautbarte Nachricht aus Frankfurt am Main lautete zusammengefasst, die EZB will ende Juli 2022 die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte (25 Basispunkte) anheben. Das wäre seit rund 11 Jahren die erste Zinserhöhung und mit Blick auf die USA, deren FED zuletzt neben vorangegangenen Zinsschritten, ihre Leitzinsen um 0,75 Prozentpunkte erhöht hat, eine homöopathische Maßnahme. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, auch die USA erhöhen ihre Zinsen in äußerst niedrigen Schritten. Und sogar das verlangt ihnen bereits einen hohen Preis ab, betrachtet man die Entwicklung an den Aktienmärkten.

Es wird hier häufig der Vergleich zur Amtszeit eines Paul Volcker als FED Chef in den USA gezogen. Dieser beendete die Hochinflationsphase Ende der 1970er Jahre dadurch, dass er unter enormem wirtschaftlichen Schaden, mit Leitzinsen von zeitweilig um die 20 Prozent zum erliegen brachte.

Die Lage ist heute weitaus schärfer! Denn die USA als auch die EU, neben zahlreichen weiteren Ländern, können sich ihre enormen Schulden nur mittels künstlich niedriger Zinsen leisten. Die USA haben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt mittlerweile 137 Prozent Verschuldung. Wichtige EU Länder, wie Frankreich mit 112 Prozent und Italien mit 150 Prozent, stehen hier auf derselben Stufe. Dagegen steht die Bundesrepublik Deutschland mit rund 69 Prozent Schulden zum BIP vergleichsweise solide dar, diese offizielle Zahl ist allerdings mit großer Vorsicht zu genießen.

Insgesamt betrachtet, liegt die Schuldenlast der USA und der EU bei einem so exorbitanten Ausmaß, dass starke Zinserhöhungen die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit beider um mehrere Größenordnungen überlasten würden.

Die USA haben die Nase vorn

Die USA haben in Verlauf des Jahres 2022 ihre Leitzinsen in mehreren Schritten auf rund 1,75 Prozent erhöht und die EZB damit letztendlich ebenfalls in Zugzwang gebracht. Der Grund dafür: Der US-Dollar wertet durch diese Zinserhöhung im Vergleich zum Euro auf, er wird interessanter für Anleger. Der Euro wertet gegen den Dollar ab. Das hat in einer Lage bereits hoher Inflation aber zur Folge, dass die EU, also die Mitglieder der Währungsunion, sich zusätzliche Inflation importieren, denn Importe aus den USA werden teurer. Und da Energie ebenfalls in Dollar abgerechnet wird, steigen gerade die Energiepreise empfindlich weiter, die wiederum die Preise aller anderen Waren- und Dienstleistungen antreiben.

Auswahl zwischen Katastrophe und Desaster

Das Dilemma der EZB scheint damit perfekt zu sein. Sie müsste die Leitzinsen anheben, um die Inflation zu bremsen (auf ein Stoppen der Inflation ist hier kaum zu hoffen), aber das würde Länder wie Frankreich und Italien, neben einem großen Teil weiterer EU-Mitglieder, finanziell sprichwörtlich das Genick brechen. Tut sie das aber nicht, muss sie zwangsweise der Inflation gewähren, mit allen Folgen. Also steigenden Energiepreisen, steigenden Güterpreisen, einem regelrechten Siechtum der eigenen Währung, was am Ende einer Entwicklung wiederum den einzelnen Mitgliedsländern sprichwörtlich das Genick brechen würde.

Das Dilemma wird offensichtlich, berücksichtigt man die Reaktion der Märkte auf die bloße Ankündigung einer Zinserhöhung seitens der EZB. Praktisch sofort wurden Staatsanleihen von Ländern wie Italien verkauft. Das hatte zur Folge, dass die Zinsen dieser Anleihen stark angestiegen sind. Es werden deutlich höhere Risikoaufschläge für diese Papiere verlangt, denn bereits minimale Zinserhöhungen wären für Italien nicht tragbar.

Die “Lösung” der EZB sieht nach einer Sondersitzung nur so aus, dass stark verschuldete Euro-Länder bei der wieder Anlage von Geldern aus fällig werdenden Anleihen, besonders unterstützt werden sollen. Bildhaft gesprochen: Fällige Anleihen der deutschen Bundesbank, die von dieser zurück gekauft werden, werden einfach durch italienische Anleihen ersetzt. Zudem arbeitet die Notenbank an einem neuen Instrument, das das Auseinanderdriften der Renditen von Staatsanleihen eindämmen soll, dazu sind aber noch keine Informationen vorhanden.

Im Hintergrund wird bereits aber von einem neuen “Whatever it takes”, in Anlehnung an den Ex-EZB-Chef Mario Draghi gesprochen. Sprich einem Einsatz aller Mittel und aller Methoden, um die Währungsunion zusammen zu halten.

Eine Lage wie sie von Clausewitz beschreiben würde

Laut dem preußischen Militärwissenschaftler Carl von Clausewitz, ist nichts schwieriger, als der Rückzug aus einer unhaltbaren Position.

Die EZB steckt also in einer tiefen Zwickmühle, dass sie die Zinsen eigentlich erhöhen müsste, um die Währung zu stabilisieren und somit auch ihrem originären Auftrag des Kaufkrafterhalts nachzukommen. Seit mehr als 11 Jahren, hat die EZB ihren Auftrag darin gesehen, den Euro um des Euros willen zu “retten”, indem sie die Pleite von hoch verschuldeten Mitgliedsländern verhindert. Durch das Mittel niedriger Zinsen, auch häufig abschätzig Geld drucken genannt. Diese Position die die EZB hier eingenommen hat, als defacto Staatsfinanzier, ist das, was ich eine unhaltbare Position nenne.

Mein Fazit würde hier lauten, dass ein Rückzug aus dieser Position nicht möglich ist, unter den gegebenen Prämissen. Der Euro soll aufrecht erhalten werden, die Inflation gestoppt und die Pleite von Mitgliedsstaaten verhindert werden. Alle Ziele wird die EZB nicht erreichen können. Auch mit einer noch ausgedehnteren Umverteilung zwischen den Ländern, halte ich das für Ausgeschlossen, denn auch die Nettozahler der EU, leider bereits unter einem Einbruch der Konjunktur und den steigenden Preisen. Ich stelle also in Frage, ob diese Länder mehr verteilen wollen, oder auch nur können, selbst wenn sie es wollen.

Interessant wird hier die Frage sein, welchen Weg die EZB nimmt.

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