Home Gastbeiträge Das Zinsdilemma der Zentralbanken

Das Zinsdilemma der Zentralbanken

by Peter Merkle

Die EZB steckt in einem tiefen Dilemma. Wie wir bereits in vorangegangenen Artikeln aufgearbeitet haben, kann die Zentralbank der Europäischen Union die notwendigen Zinsschritte zum lindern der Inflation nur unter beträchtlichen Risiken gehen. Am Donnerstag den 21.07.2022 hat die EZB nun die Leitzinsen um 0,5 Prozentpunkte angehoben. Gleiches gilt für den Refinanzierungszinssatz und den Einlagenzinssatz. Der Konsens belief sich bisher auf 0,25 Prozentpunkte, zuletzt wurde aber auch immer wieder Stimmen laut, die eine Reaktion der EZB um 0,5 Prozentpunkte als möglich erachteten. Wie sich nun gezeigt hat, war diese Annahme korrekt. Allerdings steckt ein nicht unerhebliches Risiko in dieser Entscheidung.

Die Ausgangslage

Wie wir bereits in unserem Artikel zum US-Dollar und Euro geschrieben haben, ebenso in unserem Artikel über die Zinsentwicklung, liegen die Schulden mehrere EU Mitgliedsstaaten so hoch, dass jede Zinserhöhung die Gefahr birgt, dass die Staaten in den Bankrott rutschen und in ihrem Sog das Euro-System mit sich reißen. Das prominenteste Beispiel ist hier immer wieder Italen, das sich mit über 150 Prozent der eigenen Wirtschaftsleistung verschuldet hat.

Zuletzt kamen noch politische Erschütterungen hinzu, gestern reichte der noch amtierende Ministerpräsident und ehemaliger EZB Chef Mario Draghi, seinen Rücktritt beim italienischen Präsidenten Sergio Mattarella ein. Das Regierungsbündnis in Italien ist im Verlauf der letzten Woche zerbrochen. Und nicht nur Italien ist eine gefährliche Schwachstelle im Währungsverbund oder gar der EU insgesamt.

In den Niederlanden protestieren nach wie vor die Landwirte, nebst der Fischerei und zahlreichen weiteren Leuten, die mit der Regierungslinie unter Ministerpräsident Mark Rutte nicht mehr einverstanden sind. Die offene Drohung von Enteignung und Berufsverboten für Landwirte, entzündeten die zunehmenden Proteste. Die Erdgasversorgung von Spanien über Algerien ist gefährdet, in Frankreich ist die Stabilität der Regierung unter Präsident Emanuel Macron zunehmend nicht mehr gegeben und weitere Protestwellen schwappen über nahezu jedes Land in Europa.

Die Ausgangslage für die EZB und ihre Zinsentscheidungen, ist also denkbar ungünstig.

Die Mittel der EZB

Die Inflation in der Eurozone erreichte zuletzt immer höhere Stände und die wirtschaftlichen Aussichten trüben sich deutlich ein. Vor diesem Hintergrund erfolgt nun eine späte Reaktion der Notenbank. Trotzdem besteht die Sorge, dass diese Reaktion nicht von Italien und anderen Schuldenträgern verkraftet werden kann. Die Antwort der EZB ist ein neues Anti-Krisen-Programm, das Transmission Protection Instrument oder kurz TPI getauft wurde. Vorrangiges Ziel der EZB ist es, die Fragmentierung des Währungsraumes zu verhindern, das auseinanderlaufen der jeweiligen Zinssätze der Mitgliedsstaaten.

In einem Statement der EZB heißt es dazu: “Das TPI wird das Instrumentarium des EZB-Rats ergänzen und kann aktiviert werden, um ungerechtfertigten, ungeordneten Marktdynamiken entgegenzuwirken, die eine ernsthafte Bedrohung für die Transmission der Geldpolitik im Euroraum darstellen”, erklärte die Notenbank. “Der Umfang von Ankäufen im Rahmen des TPI hängt von der Schwere der Risiken für die geldpolitische Transmission ab. Die Ankäufe sind nicht von vornherein beschränkt.”

Whatever it takes?

Von dem bisher bekannten kann man hier von einer möglichen Zinsobergrenze ausgehen und die Ankündigung, dass Ankäufe nicht von vornherein beschränkt sind, lässt vermuten, dass die EZB jeden Angebotsüberhang an Anleihen aufkaufen wird, um ein sinken der Anleihen Kurse zu verhindern. Das muss zwangsweise über die Druckerpresse finanziert werden. Der Chef-Volkswirt der Degussa Thorsten Polleit schrieb dazu in der Wirtschaftswoche folgendes:

“Entscheidend für die resultierende monetäre Wirkung ist, von wem die Zentralbank die Anleihen kauft. Stammen sie aus Beständen der Geschäftsbanken, stellt sich „nur“ eine Ausweitung der Basisgeldmenge ein: In den Bilanzen der Banken nehmen die Anleihebestände ab, und im Gegenzug steigen die Überschussreserven der Banken. Werden hingegen die Anleihen, die die Zentralbank erwirbt, von Nichtbanken (wie zum Beispiel Versicherungen, Pensionskassen oder Privatanlegern) verkauft, nimmt die Basisgeldmenge im Bankensektor zu, und es steigen zudem auch die Geschäftsbankengeldmengen M1 bis M3. Die gleiche Wirkung stellt sich ein, wenn die Zentralbank neu ausgegebene Staatsschulden aufkauft, wenn sie also die öffentlichen Haushalte direkt mit dem Anwerfen der elektronischen Notenpresse finanziert.”

Japan als mahnendes Beispiel

Die Idee hinter der Festlegung eines maximalen Zinssatzes, oder gleichbedeutend eines Mindestkurses für Anleihen, ist in der Theorie daran gebunden, dass kein Marktteilnehmer den Versuch unternehmen würde, gegen die Zentralbank zu wetten und so die tatsächlich zu kaufenden Anleihen sich in Grenzen halten werden. Die Bank of Japan verfolgte ab 2015 eine Notenbankpolitik, die der Kontrolle der Zinskurve entspricht. Aber wie vor allem seit Anfang 2022 zu sehen ist, ging das Vorhaben nicht auf.

Die BoJ musste immer mehr Staatsschulden monetarisieren, also Anleihen kaufen und hat so eine fatale Kettenreaktion in Gang gebracht. Der Außenwert des japanischen Yen verfällt zusehends. Seit Anfang 2020 hat die Währung um 23 Prozent im Vergleich zum US-Dollar verloren.

Sofern die Pläne der EZB diese Richtung einschlagen, besteht also die Gefahr, dass die Geldmengenkontrolle verloren geht. Denn solange die Staaten nicht tiefgreifende Maßnahmen ergreifen, ihre eigene Schuldenlast zu reduzieren, sie im Gegenteil sogar permanent ausdehnen, kann über das von der EZB angedachte Instrument eine immer weitere Ausdehnung der Geldmenge festgeschrieben werden.

Die Folgen wären ein permanenter Verfall des Geldwertes des Euros, ein Kaufkraftverlust und dadurch eine Kette geschichtlich sehr gut dokumentierter Ereignisse. Die Produktion und Beschäftigung leiden, die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander, Verteilungskonflikte verschärfen sich, in der Gesellschaft greift Verbitterung um sich. Eine Entwicklung die das Potential hat, den Währungsverbund zum Einsturz zu bringen.

Print Friendly, PDF & Email

You may also like

Leave a Comment